Über das Leben zwischen Selbstgefühl und Zuschreibung
Manchmal beginnt es nicht mit einer klaren Frage, sondern mit einer leisen Irritation. Mit dem Gefühl, dass etwas nicht ganz zusammenpasst – ohne genau benennen zu können, was es ist.
Dieses Erleben kann Erwachsene ebenso betreffen wie Kinder und Jugendliche. Und oft sind es gerade die nahestehenden Menschen, die zuerst spüren, dass etwas in Bewegung geraten ist.
Nach außen läuft der Alltag weiter: Schule, Arbeit, Familie, Termine.
Doch innerlich entsteht Spannung – nicht unbedingt laut oder dramatisch, sondern eher wie ein ständiges Mitdenken: Passe ich? Bin ich richtig?
Ein inneres Wissen, das leise, aber stabil ist
Bei vielen Kindern, Jugendlichen und auch Erwachsenen ist das innere Erleben erstaunlich konstant. Da ist ein stilles Wissen:
„So fühle ich mich.“
„So bin ich.“
„So fühlt es sich stimmig an.“
Dieses innere Wissen ist oft nicht wackelig. Es ist eher leise. Manchmal schwer greifbar. Aber vorhanden.
Gerade weil es nicht laut ist, wird es leicht überhört – von anderen, manchmal auch von den Betroffenen selbst.
Nicht selten entsteht der Eindruck, man müsse dieses innere Empfinden erst überprüfen, relativieren oder korrigieren.
Was tatsächlich ins Wanken gerät
Was häufig ins Wanken gerät, ist nicht das innere Selbstgefühl – sondern das, was von außen gespiegelt wird.
Ins Wanken gerät vor allem:
- das Bild, das andere von einer Person haben
- die Rückmeldungen wie: „So bist du richtig“ oder „So bist du falsch“
- die Passung zwischen innerem Erleben und sozialer Erwartung
Aus dieser Spannung entstehen Fragen, die tief verunsichern können:
- Stimmt etwas nicht mit mir?
- Muss ich mich ändern, damit es passt?
- Darf ich so sein?
Der Druck entsteht also zwischen Innen und Außen – nicht zwingend im Inneren selbst.
Wenn Erwartungen anfangen zu drücken
Kinder wachsen in Erwartungen hinein, lange bevor sie diese benennen können.
Was als normal gilt.
Was auffällt.
Was akzeptiert wird.
Viele lernen früh, sich daran zu orientieren – manche sehr geschickt.
Nicht, weil sie sich verbiegen wollen, sondern weil Zugehörigkeit für Kinder etwas Existenzielles ist. Dazuzugehören sichert Halt, Schutz und Beziehung.
Doch dauerhafte Anpassung kostet Kraft. Wenn das eigene Empfinden immer wieder hinter äußeren Erwartungen zurücktritt, reagiert oft der Körper:
mit Anspannung, Rückzug, Gereiztheit oder Erschöpfung.
Bei manchen Menschen zeigen sich diese inneren Konflikte auch deutlicher – etwa in Ohnmachtsgefühlen, selbstverletzendem Verhalten, depressiven Verstimmungen oder einem Gefühl von innerem Abschalten.
Nicht als bewusste Entscheidung, sondern als Versuch, mit einer anhaltenden Überforderung umzugehen.
Nicht, weil etwas „nicht stimmt“, sondern weil etwas Wesentliches keinen Raum bekommt.
Warum diese Unterscheidung für Eltern so bedeutsam ist
Eltern erleben diesen Konflikt häufig besonders deutlich. Das Kind wirkt in sich stimmig – aber im Außen nicht passend.
Und dann beginnt das Ringen:
Schütze ich mein Kind, indem ich von ihm Anpassung erwarte, damit es im Außen weniger angreifbar ist – und verletze ich es gleichzeitig, wenn ich sein inneres Erleben relativiere, um diese Anpassung zu erreichen?
Zwischen Fürsorge und Loyalität entsteht ein Spannungsfeld, das verunsichert – und oft einsam macht. Diese Unsicherheit ist kein Zeichen von Versagen. Sie ist Ausdruck von Verantwortung und Beziehung.
Noch keine Antworten – und das ist erlaubt
An diesem Punkt geht es nicht um Etiketten oder Entscheidungen. Nicht um schnelle Erklärungen oder eindeutige Zuordnungen.
Manchmal ist der wichtigste Schritt, innezuhalten und anzuerkennen:
Da ist etwas. Und es verdient Aufmerksamkeit. Nicht alles, was sich zeigt, muss sofort benannt werden.
„Vielleicht geht es nicht darum, jemand zu werden –
sondern darum, aufhören zu müssen, jemand anderes zu sein.“ (inspiriert von einem oft Paulo Coelho zugeschriebenen Gedanken)
Vieles lässt sich nicht sofort in Worte fassen.
Manchmal braucht es einfach Raum – zum Spüren, Nachdenken und Erkennen, was stimmig ist.
Wer diesen Raum ernst nimmt – für sich oder für ein Kind, beginnt bereits, etwas von dem Druck zu lösen, der zwischen Innen und Außen liegt.




